Ich sitze im Zug Richtung Heimat und ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit hatte es sich in mir bequem gemacht. Fünf Tage hatte ich Zeit zum Fliegen und fünf Tage war Flugwettetter. Als Abschluss hatte ich mir heute den Tegelberg herausgesucht, der Wind sollte passen. Ich hatte nichts zu tun und stand bereits um kurz vor 9 an der Bahn. Oben angekommen musste ich feststellen, dass der Wind von der Seite kam, teilweise gar von hinten. nach einem Kaffee war dies noch immer so. Irgendwann beschloss ich, dass er zumindest schwach genug war um nicht turbulent zu sein und doch etwas mehr von vorne kam als am Anfang und richtete mich für den Start. Ich wagte einen kritischen Blick zur Windfahne schräg hinter mir und musste lachen: wie an einer Perlenschnur hatten sich inzwischen fast alle Bergbesucher als Zuschauer versammelt und warteten gespannt auf meinen Start.

Irgendwann gab es ein weniger schlechtes Windfenster und ich zog vorsichtig an den A-Leinen. Mentorchen erhob sich, ein Raunen ging durch die Zuschauer. ich drehte mich aus, beschleunigte und flog. Was wollte ich eigentlich machen? Ah, ja, ein Abgleiter. Aber es trug. Ich flog Richtung Schlösser den Grat entlang. Immer wieder kontrollierte ich die Fahnen am Tegelberghaus. Der Wind war stärker geworden. In einer Rinne gab es eine Düse. Ich achterte gemütlich gegen den Wind, gewann 5 Meter pro acht. Irgendwann hatte ich den Startplatz überhöht. Ich flog über dem Tegelberghaus. Ich ließ mich zu weit mit dem Wind nach hinten versetzen und kam nur noch mit 5 km/h vorwärts aber bei der Gleitzahl war es egal, solange Mentorchen vorwärts fliegt arbeitete die Zeit für mich. Nach einer Stunde landete ich extrem zufrieden und beschloss, auf den zweiten geplanten Flug zu verzichten.

Alles klappt wunderbar – Trainieren für den Eingangstest

Der Flug am Tegelberg war ein würdiger Abschluss eines lang ersehnten Flugwochenendes. Bevor es los ging scharrte ich schon mit den Füßen und konsumierte pornographiegleich stundenlang Gleitschirmvideos auf You-Tube. Nach acht Wochen Flugabstinenz brauchte ich wieder dieses Gefühl der Freiheit. Es gab eine geringe Chance, am Hallstätter See am Wochenende noch einen Tandem-Eingangstest zu machen, das gute Wetter war aber eher im Westen. Ich sollte am Tag vorher anrufen und erfahren ob es stattfindet. Am ersten freien Tag, dem Freitag, wollte ich daher auf jeden Fall die verlangten Flugfiguren üben. Irgendwo zwischen dem Hallstätter See und dem schönen Wetter lag der Wallberg. Findet der Test statt würde ich schnell im Osten sein, wenn nicht, schnell im schönen Wetter. Außerdem war der Wallberg ein neues Fluggebiet für mich, das ist immer gut.

Bereits gegen 9:30 inspizierte ich die Startplätze. Unweit der Bergstation gibt es den Startplatz Kircherl (er liegt direkt neben einem Kircherl). Bei dem vorherrschenden Westwind eher suboptimal. Richtung Wallberg Gipfel gehend kommt man zum Startplatz Alm. Hier kann man bei Westwind gut starten. Ich wanderte weiter hinauf zum Gipfel. Vielleicht könnte man ja hier starten. Aber mir war der Gipfelstart zu steinig, zu klein und der Wind zu böig. Aufgrund dieser für mich unguten Kombination einigte ich mich mit mir auf die Alm und stieg wieder hinunter.

Ich konzentrierte mich auf den Eingangstest. Man muss neben Rollen und Nicken auch einen 50 prozentigen gehaltenen Klapper vorfliegen und eine Steilspirale. Außerdem sollen Start und Landung souverän sein. Zu Beginn als Aufwärmung rollte ich ein wenig vor mich hin. Kein Problem. Auch der gehaltene Klapper klappte problemlos. Der war mein Sorgenkind da ich beim letzten Sicherheitstraining keinen Geradeausflug mehr zustande brachte. Weiter ging es mit Nicken. „Hallo Mentorchen, Nicken sagte ich…“ Ich zog wie blöd an den Leinen aber Mentorchen wollte nicht nicken. Manchmal, unregelmäßig nickte er dann doch und wenn der Schwung mal drin war, ging es ganz gut aber mindestens 35° sind eine Herausforderung. Das andere Problem ist die Landung höchstens 15 m vom Peilpunkt entfernt. Es gibt ja schon Möglichkeiten Mentorchen in seine Grenzen zu weisen aber Kurven im Endanflug sind im Test verboten ebenso wie starkes anbremsen. Bei 30 km/h im Endanflug und Mentorchens genialer Gleitleistung fliegt man schon Mal ein paar Meter weiter als gedacht. Hm, irgendwie muss das gehen. Immerhin sind die Landungen sicher.

Vier Mal flog ich vom Wallberg. Nachdem vierten Flug bei relativ starkem Wind und ein wenig dynamischen Soaren wollte ich wieder an der Seilbahnkasse vorbei nach oben als mich die Dame zurück winkte. Die ersten Flieger kämen schon wieder runter gefahren da der Wind zu stark geworden wäre. Blöd. Wenn die Bahn sagt, dass es nicht fliegbar ist und man fährt trotzdem hinauf bekommt man keine gratis Talfahrt. Damit war der Tag am Wallberg zu Ende denn am nächsten Tag sollte das Wetter schlechter werden. Die Flugschule teilte mir mit, dass es am Samstag keinen Eingangstest gibt da am Krippenstein ein 50er Wind angesagt sei. Wegen Sonntag solle ich mich samstags nochmal melden.

Gen Westen – wo’s schön ist

Ich fuhr am nächsten Tag nach Westen, auch auf die Gefahr hin, dass ich sonntags dann umso länger zum Hallstätter See unterwegs wäre. Das Neunerköpfle war das heutige Ziel, berühmt und gelobt für seinen riesigen Landeplatz aber mir noch unbekannt – und außerdem im Sonnenschein. Die Landewiese war lustigerweise auf die Größe einer Briefmarke verkleinert, der Rest war eingezäunt und bekuht. Man hörte hier und da ein leichtes fluchen bei neuangekommenen potentiellen Fliegern. Es gibt einen Weststart und einen Oststart. Letzteren  hatte ich nicht gesehen, es war immer noch Westwind. Gegen 11 war noch nicht so viel los.

Es gibt Startplätze an dem sich die Piloten fertig angezogen auf die Startfläche begeben um möglichst schnell den Platz wieder freizugeben. Dieser Startplatz war nicht so. Es gibt auch Startplätze da ist immer jemand da der einen eigeklappten Schirm wieder auf klappt ohne das der Pilot erst verzweifelt rufen muss. Dieser Startplatz war nicht so. Ich hatte drei nette Flüge und übte auch wieder für den Test aber ich glaube es gibt genug Fluggebiete rings herum die weniger frequentiert sind. Eines davon, den Hahnenkamm würde ich noch kennen lernen da auch am Sonntag kein Eingangstest stattfinden würde.

Ich konnte mich also auf das schöne Wetter konzentrieren und organisierte mir eine Unterkunft in Höfen bei Reute, am Fuße des Hahnenkamms. Der Berg trennt das Tannheimer Tal vom Lechtal und man kann von dort in beide Richtungen fliegen. Aber noch war es nicht soweit. Am Sonntag war leichter Nordwind angesagt und ich hatte mir den Grubigstein als Flugberg herausgesucht da dieser einen großen Höhenunterschied aufweist und die Tageskarte günstig sein sollte.

Der Grubigstein versteckt sich hinter der Zugspitze und der Talort ist Lermoos. Bei meiner Ankunft bedeckt noch der Bodennebel den Landeplatz aber der Weg zum Startplatz dauerte eh länger als geplant da nur die halbe Seilbahn in Betrieb war. Die andere Hälfte müsse man hinauf wandern erklärt mir die Kassendame woraufhin ich ihr erklärte, dass ich dann kein Tagesticket benötige sondern nur eine Einzelfahrt. Mit einer unerwarteten aber schönen Hike and Fly Tour erreichte ich nach 2 Stunden die Startplätze. Ich fand einen klassischen Skifahrerberg noch ohne Schnee vor, also ein relativ trostloses Bild.

Der Himmel war bewölkt aber die Gegend mit blauem Himmel am Horizont sichtbar. Darum hielt ich mich nicht lange auf und startete vom Weststartplatz der mir als Kippenstart angekündigt war aber der kein Klippenstart war da man noch mindestens 10 m Lauflänge in der Schräge hat bevor die Senkrechte anfängt. Trotzdem sortierte ich meine Leinen extra gründlich da die Windverhältnisse einen Vorwärtsstart verlangten. Ich musste noch die Steilspirale üben, endlich war genug Höhe da. Darum stand ich in sehr kurzer Zeit bereits wieder unten am Landeplatz.

Nochmal hinauf gehen kam nicht in Frage, stattdessen hatte ich noch einen anderen Berg im Sinn der Nordwindtauglich ist: den Laber bei Oberammergau. Der Opa aus München mit der Sonnenbrille in der Gondel fragte mich, „warum d‘ jungan Leit denn nicht hinauf lafan?“ Der Berg platzte an diesem Sonntag aus allen Nähten. Oberammergau musste menschenlehr sein. Der steile Startplatz hingegen ließ noch Raum für mehr. Unter Zuschauern legten immer zwei Flieger ihre Schirme aus und versuchten nicht auf dem feuchten Lehm auszurutschen. Direkt nach dem Start eine Talquerung zu einem Westhang der direkt von der Sonne angestrahlt wurde und dort konnten sich alle halten. Alle außer mir. Nach zwei Flügen und Fachgesimpel mit anderen Fliegen fuhr ich trotzdem sehr zufrieden wieder zurück. Nach dem ersten Flug konnte ich eine Spielzeugdrohne beobachten die in Landeplatznähe ihr Unwesen trieb. Später erfuhr ich, dass diese noch wegen Gleitschirmfliegerbelästigung angezeigt wurde und einen Polizei-Einsatz verursachte. Ein unerfreuliches Thema.

Heute am Montag war mit leichtem Ostwind endlich Hahnenkamm-Wetter. Ich entschloss mich, hinauf zu wandern. Noch vor dem Gipfel erreichte ich den Sattel und konnte ins Tannheimer Tal und zum Neunerköpfle hinüber blicken.

Der Hahnenkamm bei Reutte, den man nicht mit jenem bei Kitzbühel verwechseln sollte ist kein ganz ein ganz einfacher Kandidat was die Fliegbarkeit betrifft aber heute war es völlig unproblematisch. Die Klientel ist eine völlig andere als am nahen Neunerköpfle und am Ende des Tannheimer Tal gelegen gedeihen bei mir bereits Pläne im Kopf für Streckenflüge Richtung Nebelhorn. Das Frühjahr lässt grüßen. Zweimal fuhr ich noch mit der Bahn hinauf. Der Hahnenkamm gefällt mir. Und das Nicken klappt inzwischen auch ganz gut. Die Bilanz bis hier her: in 4 Tagen 5 neue Fluggebiete ausprobiert, 2 Hike and Fly Wanderungen und viel tolles Herbstwetter genossen.

Links

Die Fluggebiete beo Paragliding 365:

Wallberg
Neunerköpfle
Grubigstein
Laber
Hahnenkamm
Tegelberg

Orte

Die Karte zeigt eine Übersicht über die im Beitrag genannten Orte:

Direkt zur KML-Datei


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Written by Florian

1 Comment

Johannes

schöne Bilder, schöner Bericht. Ich hätte doch mit kommen sollen… Übrigens hatte ich eigentlich überlegt für meine Flugsafari als Gastautor aufzutreten, es blieb allerdings beim Vorsatz ;).

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