24.10.2015 – Es ist Samstag um kurz vor 5 Uhr Nachmittags. Ich sitze im abfahrbereiten Zug in Ajaccio nach Corte auf Korsika wo ich auch hin möchte. Ein gewisses Gefühl der Erleichterung kann ich nicht verleugnen den eigentlich hätte alles ganz anderes sein sollen. Aber alles der Reihe nach.

Vor zwei Tagen, am Donnerstag landete ich mit einem Billigflieger auf dem Flughafen von Cagliari am südlichen Ende von Sardinien. Der Plan war nun, mit Zug und Bus ans nördliche Ende der Insel zu reisen um dann mit der Fähre nach Korsika überzusetzen. Auf Korsika hätte mich der bus nach Bastia bringen sollen wo ich mich dann um 11 Uhr mit Helmut treffen wollte um gemeinsam mit ihm mit dem Zug nach Corte zu fahren um dort wandern zu gehen. Die Rückreise soll dann per Fähre und TGV über Marseille stattfinden.

Philosophie des Reisens

Sardinien: Blick auf Cagliari

Sardinien: Blick auf Cagliari

Diese Art von Reisen beinhaltet einen sehr großen „Der Weg ist das Ziel“-Anteil. Die komplizierte Anreise ist also kein notwendiges Übel sondern durchaus beabsichtigt und Teil des Urlaubs. Nicht gestresst durch die Gegend ziehen um irgendwann anzukommen sondern von Anfang an abschalten vom Alltag und sich treiben lassen von den Eigenheiten der Einheimischen, ist das Ziel. Sieben Tage habe ich mir dafür Zeit genommen und dazwischen sollen möglichst viele Eindrücke auf mich „hereinbrechen“.

Sardinien: Promenade in Cagliari

Sardinien: Akarden in Cagliari

Das Einzige was nicht zu dieser Art Urlaub passt ist die Anreise per Flugzeug. 1,5 Stunden dauerte die Flugzeit von Stuttgart nach Cagliari, was war dazwischen? Wo bin ich hier überhaupt? Vor 2 Stunden noch zuhause, jetzt im Urlaub? Kann man den einfach einen Schalter umlegen und im Urlaub sein? Das klingt schon wieder stressig. Leider war es aus finanztechnischen Gründen die einzige vernünftige Alternative um in die Gegend zu gelangen. Solange ein Flug durch halb Europa günstiger ist als das anschließende Wandertaxi ins nächste Tal muss man sich schon fragen ob das alles so seine Richtigkeit hat. Im Idealfall beginnt so ein Urlaub im Zug in einem Speisewagen bei einem Frühstück, mit einer Zeitung und viel Zeit. Meiner beginnt wohl irgendwo zwischen Gepäckkontrolle und Abfluggate.

Sardinien: auf dem Weg nach Olbia

Sardinien: auf dem Weg nach Olbia

In Sardinien werde ich die Städte Cagliari, Sassari und Olbia jeweils mit einem kurzen Stadtspatziergang beehren, mehr Zeit ist nicht vorgesehen. Cagliari ist die Hauptstadt Sardiniens und liegt im Süden der Insel und machte einen sehr urbanen Eindruck auf mich. Die zweitgrößte Stadt Sardiniens, Sassari war wesentlich beschaulicher. Ich fühlte mich sofort wohl.

Sardinien: Santa Theresa

Sardinien: Santa Teresa

Das Frühstücksbuffet im Hotel in Sassari überraschte mich. Die Italiener sind ja nicht gerade für ihr üppiges Frühstück bekannt aber hier bestand alleine das Kuchenbuffet aus einer schier endlosen Anzahl an leckeren Kuchen und Süßspeisen. Der Tag begann gut. Scheinbar auch für den etwas wohlbeleibten Italiener den ich etwas belustigt beobachtete und der ebenfalls mit leuchtenden Augen an dem Buffet stand und die Kuchen eher amöbenartig zu umfließen schien als sie zu essen.

Um 8:20 am Freitag fuhr der Zug weiter Richtung Olbia unweit der berühmten Strände von Sardinien. Die Stadt machte den Eindruck als würde sie im Sommer vor Touristen überquellen. Die entsprechende Infrastruktur war vorhanden und hielt überwiegend bereits Winterschlaf – aber auch hier kann man die typischen engen Gässchen entdecken wenn man ein wenig abseits der Hauptrouten unterwegs ist.

Sardinien: Küste bei Santa Theresa

Sardinien: Küste bei Santa Teresa

Mit dem Bus ging es weiter nach Santa Teresa zur Fähre nach Korsika. Er benötigte für die 50 km 2,5 Stunden, also eine Durchschnittsgeschwindigkeit von unter 20 km/h, das ist phänomenal. Viele Fahrgäste hatte er jedenfalls nicht. Auch in Santa Teresa hatte ich dank der „optimal“ aufeinander abgestimmten Fahrpläne über zwei Stunden Zeit. Das malerische Dorf an der Straße von Bonifacio war schnell erkundigt und lud mit seinen Felsen und Stränden zum Verweilen ein.

Flexibel sein

Rechtzeitig begab ich mich zum Hafen. Nach einer großen Runde fand ich – nichts. Ich fragte einen Cappuccino schlürfenden Herrn wo denn die Fähre nach Korska sei. Die Fähre auf die er deutete hatte ich auch schon bemerkt allerdings fehlte das geschäftige Treiben einer Fähre die in 20 Minuten auslaufen sollte. Nach weiterem Suchen hatte ich den Fahrkartenschalter gefunden wo man mich darüber informierte, dass es heute  keine Überfahrt gebe, wegen Streik des Fährpersonals. Ich kaufte mir ein Ticket für den folgenden Tag. Es gibt schlimmeres als in Santa Teresa fest zu hängen, jedenfalls wenn es sich auf einen Abend beschränkt. Ich buchte schnell eine Unterkunft und tüftelte bei einem Capuchino einen Ersatzplan aus. Neue Ankunft in Bastia wäre demnach also erst um 16:30 anstatt um 11 Uhr.

Korsika: Bonifacio hoch über dem Meer auf dem Felsen

Korsika: Bonifacio hoch über dem Meer auf dem Felsen

Ich genoss den Abend in Santa Teresa und fand mich am Samstag um 7:30 auf der Fähre ein. Nach einem wunderschönen Sonnenaufgang über der Straße von Bonifacio rückte nun eben dieses Bonifacio immer mehr in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Hoch über dem Meer auf einem Felsen thronte es eindrucksvoll. Pünktlich nach einer Stunde waren wir da. Der Bus Richtung Ponte Veccio  und Anschluss nach Bastia sollte um 12:50 fahren. Genug Zeit um sich dieses Bonifacio aus der Nähe anzuschauen und den einen oder anderen Cafe au Lait zu trinken.

Korsika: Küste bei Bonifacio

Korsika: Küste bei Bonifacio

Gegen 12 machte ich mich auf die Suche nach einer Bushaltestelle. Nach mehrmaligem fragen kristallisierte sich eine eigentlich nicht als solche zu erkennende Stelle als Bushaltestelle heraus. Um 12:45 entdeckte ich an einer völlig anderen Stelle den Fahrplanaushang. Auf dem Stand die Abfahrtszeit mit 12:15 geschrieben und der Bus war demnach schon weg. Es war die letzte Abfahrt für diesen Samstag. Am Sonntag gab es keinen Busverkehr.

In einem leichten Anflug von Stress überlegte ich, wie ich wohl von hier weg kommen könnte. Der Mietwagenschalter hatte noch Mittagspause. Taxi ist zu teuer. Ok, es blieb nur noch eine Möglichkeit. Daumen raus und auf das Glück hoffen. Wer hätte es gedacht, das fünfte Auto hielt bereits und drinnen lächelte mich eine adrette junge Frau an. Sie nahm mich mit. Sie war aus Südfrankreich und sprach fließend Englisch. Wir unterhielten uns blendend. Ach ja, wo wollte ich eigentlich hin? Porte Veccio erstmal und dann weiter schauen, Ajaccio, Basita, Corte, egal. Irgendwo wo man weiter kommt. Sie fuhr nach Ajaccio. Also nach Ajaccio. Dort gab es einen Bahnhof mit einem Zug der mich bis nach Corte fahren konnte. Was für ein Glück, was für eine angenehme Begegnung.

Korsika: Abendessen in Corte

Korsika: Abendessen in Corte

Da sitze ich nun also im Zug nach Corte und freue mich über das Schicksal, mit dem ich sonst auch gerne mal hadere. Ich treffe Helmut in Corte und wir essen erstmal zu Abend. Wir finden eine nette Gaststätte, scheinbar ein Familienbetrieb. Die Senior-Chefin lässt es sich nicht nehmen, die Bestellungen aufzunehmen. Gebrechlich wie sie ist wird sie von ihrer Tochter gestützt. Den Rest übernimmt dann aber doch die Tochter. Das Essen schmeckt vorzüglich und ist von erstklassiger Qualität. Am Ende wird und ein Teil des Essens nicht berechnet. Darauf angesprochen heißt es lapidar: „geht auf’s Haus“.

Auf dem Dach Korsikas

Korsika: Blick auf den See beim Wandern

Korsika: Blick auf den See beim Wandern

Am Sonntag steht nun die Wanderung auf dem Programm. Wir entscheiden uns für eine Tour im Restonica-Tal, die auch ein paar Meter des legendären GR20 folgt. Atemberaubende Ausblicke bis hinüber zum wolkenbedeckten Meer und auf die zwei Bergseen Lac de Melu und Lac de Capitellu belohnen die Wanderung welche im wahrsten Sinne des Wortes kurzzeitig eine Gratwanderung ist. Das Wetter passt, was bei dieser Tour auf keinen Fall unterschätzt werden darf da es sich um „Hochalpines“ Gelände handelt.

Korsika: Gratwanderung auf dem berühmten GR20

Korsika: Gratwanderung auf dem berühmten GR20

Startpunkt ist der Wanderparkplatz am Ende des 15 km langen Restonica-Tal. Nachdem das Taxi für die Strecke angeblich 70 Euro kostet (und somit meinen Flugpreis bei weitem übersteigt) beschließen wir, unser Glück wieder mit Autostopp zu machen. Bereits das fünfte Auto hält, das ältere Pärchen aus dem Elsas, das bereits seit 20 Jahren ihren Urlaub in Korsika verbringt nimmt uns mit.  Auf der Rückfahrt hält übrigens bereits das erste Auto. Ein korsisches Pärchen nimmt uns mit, mit einem extrem interessierten 5 jährigen Sohn mit dem wir über die Sprachbarrieren hinweg zu kommunizieren versuchen.

In der Hohchsaison kommen hier über 1000 Wanderer pro Tag um die Ruhe und Einsamkeit der Natur zu genießen. Zur Lösung des Verkehrsproblems auf der stellenweise sehr engen Straße darf man morgens nur Bergwärts fahren und Nachmittags nur Talwärts. Man fragt sich schon, ob nicht das Sperren der Zufahrt für Autos bei gleichzeitiger Einrichtung eines Wanderbusses für die Natur nicht die bessere Lösung wäre.

Korsika: Blick bis zum Meer, das von Wolken verhangen ist.

Korsika: Blick bis zum Meer, das von Wolken verhangen ist.

Der Tourverlauf ist auch in der Karte eingezeichnet die Du unten im Kapitel „Orte“ findest. Von 1370 Höhenmetern geht es erst nur mit leichter Steigung voran, später auch mit Kletterstellen die mit Leitern und Seilen ausgerüstet sind, jedoch immer über felsiges Gelände. Trittsicherheit ist unbedingt erforderlich. Vorbei an der Bergerie du Melu geht es dem Bachverlauf entlang. Der Weg ist mit gelben Streifen, und im Bereich des KR20 mit rot-weißen Streifen unübersehbar markiert. Nach einer Stunde erreicht man den Lac due Melu auf 1711 m. An diesem windstillen Tag spiegeln sich die umgebenden Berge im See und ergeben ein tolles Bild. Zahllose Baume mit intensiv roten Früchten säumen das Ufer und bringen eine inteesannte Farbe ins sonst so graue Bild. Weiter gehts hinauf zum Lac de Capitellu der mit 1930 m nochmal ein paar Meter höher liegt. Der See ist mit 40 m der tiefste See Korsikas und aufgrund seiner Lage über 8 Monate im Jahr zugefrohren. Hier gibt es keinen Bewuchs aber die Spiegelungen der gegenüberleigenden Felswand sind unbeschreiblich. Später, wenn man das Foto um 90° dreht ergeben sich durch die Symetrie intresannte Effekte – man denkt an Monster und andere sonderbare Fabelwesen.

Korsika: Blick auf Calvi.

Korsika: Blick auf Calvi.

Nach kurzer Pause nehmen wir den letzten Anstieg hinauf zum Grat und dem GR20 in Angriff. Hier wird es zunehmend einsam. Die meisten gehen nur bis zum ersten See, einige bis zum zweiten aber kaum jemand geht auch noch diesen Abschnitt. Wir sind mit 2067 m am höchsten Punkt der Wanderung angelangt. Die Aussicht die uns oben erwartet ist genial. Richtung Osten erahnt man das Meer, es versteckt sich unter Wolken die weit unter unserer Höhe am Gebirge hängen bleiben. In die andere Richtung sieht man das  Restonica Tal und weit unten unseren Wanderparkplatz. Herunter geht es direkt zum Lac de Melu und anschließend in einer anderen Variante als hinauf, zurück zum Wanderparkplatz.

Montag: Nachdem für die nächsten Tage schlechteres Wetter angekündigt ist beschließen wir, mit dem Zug nach Calvi zu fahren und dort die letzte Nacht zu verbringen. Ein nettes Städtchen als Ausklang der Reise. Dienstags geht es zurück nach Ajaccio und mit der Fähre über Nacht nach Marseille. Ohne großen Aufenthalt hüpfe ich am Mittwochmorgen in den TGV Marseille – Frankfurt und fahre Richtung Heimat nicht ohne mich vorher nochz mit allerlei leckerem Reiseproviant aus der Patisserie eingedeckt zu haben – bereits in Lyon ist alles leer.

Bilder

Stöbere auch im dazugehörigen Fotoalbum auf Flickr

Links

Farpläne für Korsika bei Corsica Bus (keine Busgesellschaft – Angaben unbedingt vor Ort verifizieren)

Fähren zwischen Sardinien und Korsika

Der GR20 auf Korsika (TODO :-))

Informationen über Sardinien

Informationen über Korsika

Orte

Die Karte zeigt eine Übersicht über die im Beitrag genannten Orte, die Wanderung ist ebenfalls eingezeichnet, dazu bei der Ortsmarke „Wanderparkplatz“ in die Karte zoomen.:

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Written by Florian

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