Anfang Oktober 2015, um 3:30 klingelte der Wecker. Das Car Sharing Auto, das am Stuttgarter Hauptbahnhof stationiert ist hatte ich mir abends bereits geholt und mit dem fahre ich nun ebenda wieder hin. Warum steht man mitten in der Nacht auf und setzt sich in den Zug? Natürlich für das Hike&Fly Camp des Vorarlberger Gleitschirmvereins GSV Staufen. Drei Tage lang Berge hoch wandern und herunter fliegen.

Mitten in der Nacht im Zug

Mitten in der Nacht im Zug

Besonders positiv möchte ich hervorheben, dass alle Touren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestritten werden sollen. jeder Teilnehmer erhält dafür eine Netzkarte des Vorarlberger Nahverkehrs. Da dieser vorbildlich ausgebaut ist und auch entlegenste Gegenden erreichbar sind, sollte das kein Problem sein.

Lagebesprechung vorm Bahnhof

Lagebesprechung vorm Bahnhof

Simon und die Anderen traf ich um 9 Uhr vor dem Bahnhof in Hohenems. Die Stimmung war gut und man erkundigte sich besorgt bei mir ob ich denn auch alles verstehe was da gesagt wurde. Man muss dazu sagen, dass sich der vorarlberger Dialekt von den anderen Dialekten in Österreich völlig unterscheidet. Man ist es gewohnt bei anderen auf sprachliches Unverständnis zu stoßen. Ich habe allerdings Heimvorteil denn der hiesige Dialekt gehört zur gleichen Familie wie mein Schwäbisch, dem Alemannischen. Die anderen österreichischen Dialekte werden hingegen zur Bairischen Sprachfamilie gerechnet. Ich merkte aber schnell, dass der vermutete Vorteil nur von theoretischem Wert ist und wir einigten uns auf Hochdeutsch. Unten bei den Links gibt es eine sprachliche Kostprobe.

Flug mit den Wolken

Nach der Gruppenfindungsphase ging es mit der S-Bahn nach Bludenz, mit dem Stadtbus zur Seilbahn und mit dieser hinauf auf den Muttersberg. Um das Ziel, den Hohen Fraßen zu erreichen mussten nun die restlichen 600 Höhenmeter wandernd zurückgelegt werden. Die vielen Leute die wie an einer Perlenkette aufgereiht mit dem großen Rucksäcken gemächlich den Berg hinauf gingen ergaben ein interessantes Bild das an eine Seilschaft erinnerte.

Seilschaft

Seilschaft

Nach einer kurzen Pause mit Jause am Gipfelkreuz kam die Meldung von der Vorhut, jawohl, der Südstartplatz ist startbar. Wir befanden uns in alpinem Gelände und es lag bereits Schnee. Es war also nicht selbstverständlich. Ich machte mich Startklar und – startete. Wieder erwarten war da Thermikund es trug, ich konnte mich oben halten. Innerlich fluchte ich weil ich mein Vario für diesen „Abgleiter“ nicht ausgepackt hatte. Die Thermik war sehr sichtbar da die Feuchtigkeit kondensierte und sich Wolkenfasern bildeten. Man sah regelrecht wie die Luft aufstieg.

Hoher Fraßen Gipfel

Hoher Fraßen Gipfel

Die Versuchung war groß, genau da hin zu fliegen und ich hab ihr nachgegeben. Das Problem war, dass da nicht nur die Wolkenfetzen waren sondern auch die Wolken. Ich habe immer versucht am Rande der Wolke zu bleiben um den Aufwind zu nutzen. Faszinierend war es, das Spiel mit der Wolke. Achtern, wie am Berghang war angesagt denn beim Kreisen wäre ich unkontrolliert in der Wolke verschwunden. Höchste Aufmerksamkeit musste ich den Mitfliegern widmen. Auch sie waren der Faszination der Wolken verfallen und tauchten mal hier auf und mal da. Durch die Wolke war keiner geflogen, die Gefahr war jedem bewusst. Aber auch durch den halbdurchsichtigen Wolkenfetzen ist der andere nur schwer zu erkennen. Der Rote war jedenfalls sichtbarer als der weiße Gleitschirm. Irgendwann beschloss ich, dass mir der Weiße zu unsichtbar war und mir das Ganze zu heikel wird. Ich machte mich davon. Auch am Ludescherberg konnte man oben bleiben. Er stellte einen Prallhang für den Talwind dar. Feinstes dynamisches Soaren war angesagt. Ohne Vario ist man aber immer etwas im ungewissen, ob man sich nun halten kann oder nicht. Nach einem schönen 40 Minuten-Flug leitete ich die Landung am Drachenlandeplatz in Ludesch ein. Das Video zum Flug gibt es unten in der Linksammlung.

Den Roten sieht man gut

Den Roten sieht man gut

Ludesch Drachenlandeplatz

Ludesch Drachenlandeplatz

Nachdem schönen Flug wollten es alle gleich nochmal wissen. Der zweite Berg an einem Tag wurde in Angriff genommen, die Bazora. Mit der S-Bahn ging es von Ludesch nach Frastanz und mit dem Bus hinauf nach Gurtis. Der Rest – naja, zu Fuß halt. Die belohnung war ein schöner Abendabgleiter nach Frastanz.

WUNUs auf der Schuttannenhütte

Nach einem ausgedehnten Abendessen in Dornbirn ging es mit der Karrenseilbahn hinauf und per Nachtwanderung durchs Gelände auf die Schuttannenalpe zur Unterkunft. Ich war schon vor der halbstündigen Nachtwanderung fast eingeschlafen. Nun falle ich einfach nur ins Bett und schlafe wie ein Stein.

Startvorbereitungen am Loischkopf

Startvorbereitungen am Loischkopf

Auch ein Stein wacht irgendwann wieder auf. Der Tag begann mit einem Frühstück und einem Abgleiter zum Bahnhof. Leichter Rückenwind war für mich kein Problem, mein Schirmchen will halt fliegen. Ein größeres Problem war es für mich, den beschriebenen Landeplatz zu finden. Die Bahnlinie? Tick! Der Bahnhof? Tick! Die Fabrik? Tick! Die Wiese bei der Fabrik in der Nähe des Bahnhofs wo die ganzen Vorausgeflogenen bereits sein müssten? Nö, sah ich nicht.  Naja, freie Flächen waren ja genug da. Ich landete auf einer mir gefälligen Wiese und traf die Anderen kurz darauf am Bahnsteig.

Neben dem Landeplatz das Umspanwerk

Neben dem Landeplatz das Umspanwerk

Wieder ging es nach Bludenz. Dieses Mal ging es mit dem Bus nach Brand, mit der Seilbahn hinauf auf die Burtschaalpe und weiter zum Loischkopf. Oben angekommen hatte wieder jeder sein Flugzeug aufgeblasen und ab in die Luft. Der Landeplatz war zwar groß aber seine Umgebung respekteinflößend. Dank dem naheliegenden Umspannwerk und der zahlreichen davon ausgehenden Hochspannungsleitungen passte jeder 120%ig auf, beim Landen ja keinen Fehler zu machen. Den Vortag mit den drei Wanderungen noch in den Beinen spürend hatte ich die zweite Wanderung ausgesetzt und fuhr mit dem Bus zurück auf die Hütte. Der Bus fährt Stündlich. Beeindruckend.

Entspanntes Bier vor der Schuttannenhütte

Entspanntes Bier vor der Schuttannenhütte

Ich machte es mir mit einem Fohrenburg, dem Bier mit dem Einhorn, vor der Hütte gemütlich. Eigentlich trinkt man hier in Dornbirn ja das heimische Mohrenbier. Muss ich halt mit dem bludenzer Gebräu vorlieb nehmen. Ich genieße die Ruhe und den Blick über den Bodensee bis nach Lindau. Mit dem letzten Bus kommen auch die Anderen zurück und gesellen sich dazu. Man fachsimpelt und diskutiert. Später gibt es drinnen WUNUs mit Salat. Wurstnudeln also oder Schinkennudeln; nach einem erlebnisreichen Tag ein köstliches Mal. Wobei die Hütte ja angeblich mal für ihre großen Schnitzel bekannt war, die für eine kleine Familie reichen.

WUNUs

WUNUs

Montlinger Schwamm

Am letzten Tag ging es in die Schweiz. Der Zielort war nicht im Scotty der ÖBB zu finden und auch die SBB kannte ihn nicht. Sonderbar. Daher war dies die einzige Tour bei der die Autos zum Einsatz kamen. Es ging nach Rüthi und per Pedes zum Montlinger Schwamm hinauf. Die Wanderung führte durch ein felsiges Tal wo die Wurzeln über die Felsen gewachsen waren. Leichte Assoziationen zu „Herr der Ringe“ kommen auf. vielleicht kommt gleich ein Schwarzer Reiter um die Ecke? Nach 2 Stunden waren wir am Startplatz.

Startplatz: Man hilft sich.

Startplatz: Man hilft sich.

Ich bereitete mich auf den Start vor aber irgendwie war für mich heute der Wurm drin. Die Beschaffenheit der Startwiese und die Tatsache, dass der Wind immer genau dann Pause gemacht hatte wenn ich aufziehen wollte, machten mir gehörig zu schaffen. Nach unendlich vielen Startversuchen und einigen Flüchen später war ich endlich in der Luft. Man sollte in so einer Stresssituation eigentlich gar nicht starten sondern erstmal 10 Minuten zur Ruhe kommen. Dann hätte ich vielleicht auch gemerkt, dass mein einer Tragegurt um 180° verdreht eingehängt war. Der Fehler war jedoch nicht weiter problematisch und der Schirm voll steuerbar.

Mein Landeplatz an der Wegegabelung

Mein Landeplatz an der Wegegabelung

Nach zwei schwachen Versuchen, es dem Gleitschirm nachzumachen, der da seit einer halben Stunde über uns soart, fliege ich mit viel zu wenig Höhe vom Berg weg. Die beschriebene Flugroute hätte oberhalb entlang eines engen Tals geführt. Aufgrund der geringen Höhe hatte ich allerdings Sorge, in das Tal herab zu sinken. Bei unbekannten Talwind und Landeverhältnissen schien mir das nicht sehr empfehlenswert. Ich entschloss mich also, um den Hügel herum zu fliegen. Bei null Aufwindanteil war auch das zum Scheitern verurteilt und eine Außenlandung in einem weniger engen Tal vorprogrammiert. Die Landung war sicher und unproblematisch, allerdings  war ich mir darüber vor der Landung noch nicht so im Klaren. Ich konnte nicht einschätzen ob in dem Tal vielleicht ein Leerotor stehen würde oder ob es von einem netten Talwind durchströmt würde. Letzteres war der Fall. Kaum unten war auch schon der Bauer da. Er war aber nett und half mir sogar aus seiner umzäunten Wiese. 30 Minuten Fußmarsch waren es nun bis zum eigentlichen Landeplatz. Wieder einer der Flüge über die man länger nachdenkt.

Nach dem Ausklang in einem Gasthaus geht’s wieder zurück nachhause. Schön war’s. Ich bin nächstes Jahr wieder dabei. Vielleicht mit einer etwas gewichtsoptimierten Ausrüstung. Weitere Teilnehmer sind willkommen.

Bilder

Stöbere auch im dazugehörigen Fotoalbum auf Flickr

Links

Mein Video vom Flug am Hohen Fraßen bei YouTube

Der Blockbeitrag von Martin zu diesem Event: Der Knackwurstflieger berichtet…

Video mit einer Kostprobe des Vorarlbergerischen: Ende Riedmann, der Running Gag im Camp.

Organisator war der Gleitschirmverein Staufen

Die Öffies sind vom Verkehrsverbund Vorarlberg

Orte

Die Karte zeigt eine Übersicht über die im Beitrag genannten Orte:

Direkt zur KML-Datei

 


 

Written by Florian

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