Es war der 25. Mai 2012 gegen Abend am Bahnhof Wien Meidling. In Kürze würde an Gleis 8 der Nachtzug nach Warschau einfahren mit Kurswagen nach Moskau, in letzterem war mein Bett gebucht. Ja, Moskau! Dieses Mal waren es nicht nur die fünf S-Bahn Stationen bis ins Büro oder die sieben Stunden nach Hause in Deutschland. Nein, selbst Moskau war nur eine Art Aufwärmtraining dessen was bevor stand. Japan war das Ziel, ein Viertel der Erdkugel wollten wir mit dem Zug umrunden.

Bahnhof Warschau Waschodnia

Bahnhof Warschau Waschodnia

Der Zug fuhr ein, es ging los. Helmut war bereits am Westbahnhof eingestiegen und hatte das Abteil in Beschlag genommen. Hier würden wir die nächsten 2 Nächte wohnen. Hinter Moskau sollte es dann weiter auf der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale über Krasnojarsk und Severobaikalsk bis Wladiwostok gehen. Nach einem Kurztrip Richtung China würden wir mit dem Schiff nach Japan übersetzen, wo wir zwei Wochen nach unserer Abfahrt in Wien anlanden. In zwei weiteren Wochen standen unter anderem Hiroshima und Kyoto sowie eine Wanderung in den japanischen Alpen auf dem Programm.

Überquerung des Grnzflusses zwischen Polen und Weißrussland

Überquerung des Grenzflusses zwischen Polen und Weißrussland

In Russland war ich noch nie und habe die üblichen Vorstellungen eines westeuropäischen Durchschnittsbürgers von diesem Land. Eine Reisevorbereitung musste her. Der Reiseführer „Molwanien – Land des schadhaften Lächelns“ bringt in selten erreichter Weise die typische westliche Erwartungshaltung an ein osteuropäisches Land zum Ausdruck. Im Einführungstext heißt es: „Molwanien, der weltgrößte Produzent von Roter Bete und Ursprung des Keuchhustens, ist ein geschichtsträchtiges Land, und allenthalben findet sich wunderbar gehegte und gepflegte Vergangenheit, so zum Beispiel in Städten wie Gyrorik, wo man einen der ältesten weltweit noch in Betrieb befindlichen Kernreaktoren besichtigen kann.“ Oder zur Stromversorgung „[…] die verwendete Spannung ist allerdings eher ungewöhnlich, nämlich 37 Volt, festgelegt nach Operationen auf dem Gebiet der Zahlenmystik.“ Umso erstaunlicher war es, dass sich die Realität als wesentlich weniger aufregend herausstellte. In Russland gibt es gewöhnliche 230 Volt – und im Gegensatz zu England oder der Schweiz sogar normale Steckdosen.

Die Reise beginnt

Umspurung in Brest: Der Wagenkasten ist angehoben.

Umspurung in Brest: Der Wagenkasten ist angehoben.

Wir richteten uns im Abteil häuslich ein. Bei zwei Nächten und einem ganzen Tag Fahrzeit bis Moskau lohnt sich das schon. Noch heimlich die Klimaanlage um ein paar Grad kälter gestellt und einer angenehmen Nachtruhe stand nichts mehr im Wege. In Warschau endete am nächsten Tag der Hauptzug, unser Wagen musste „umsteigen“. Zwei Stunden zur freien Verfügung bevor es weiter geht. Wir gingen irgendwo in der Nähe des Bahnhofs einen Kaffee trinken.

Güterzug an der Strecke

Güterzug an der Strecke

Warschau lag bereits ein paar Stunden hinter uns da wurde die Fahrt erneut unterbrochen. Wir hatten die polnisch weißrussische Grenze passiert. Die Grenzpolizisten stempelten mir nach der Kontrolle meines Durchreisevisums einen Einreisevermerk in meinen Reisepass. Der weißrussische Einreisestempel zählt auch als Einreisestempel für Russland aber ob das die Grenzer an einem beliebigen Russisch-Chinesischen Grenzübergang auch wissen würden? Der geneigte Leser wird an späterer Stelle mehr erfahren.

In Vekova werden am Bahnsteig ganze Kronleuchter angeboten.

In Vekova werden am Bahnsteig ganze Kronleuchter angeboten.

Neben den Einreiseformalitäten kostete hier vor allem ein Vorgang Zeit, der „Umspuren“ genannt wird. Eisenbahnen fahren auf einem Gleis mit einer festgelegten Spurweite. In Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern fährt man auf der sogenannten „Normalspur“ bei der die beiden Schienen 1435 mm auseinander sind, gemessen von Innenkante zu Innenkante, 11 mm unter dem höchsten Punkt der Schienen. Die Spurweite in Russland beträgt 1520 mm und ist somit 85 mm breiter. Keine Chance für Züge, da einfach so drüber zu fahren. Folglich werden die kompletten Drehgestelle mit Achsen und Rädern ausgetauscht.

Blick aus dem Zug

Blick aus dem Zug

Der Wagen wird in eine Werkstatt mit Hebeböcken rangiert und der Wagenkasten angehoben bis die Drehgestelle frei sind. Die einen Drehgestelle werden nach vorne weggerollt und die neuen Drehgestelle werden von hinten her gerollt. Sobald alle Drehgestelle an der korrekten Position sind wird der Wagenkasten wieder herunter gelassen. Die Fahrgäste bleiben währenddessen im Wagen oder spazieren in der Werkstatt herum. In dreierlei Breitengraden sieht man das nicht so eng. Es kann übrigens nicht ein beliebiges Drehgestell unter irgendeinen daher gefahrenen Wagen montiert werden sondern bestimmte Drehgestelle müssen zu bestimmten Wagen. Bei mehreren Zügen am Tag die alle viele Wagen haben ist das eine organisatorische Leistung.

Nach der Umspurung ging es nahezu störungsfrei bis Moskau wo wir am nächsten Tag am Weißrussischen Bahnhof ankamen. Freunde von Helmut holten uns vom Zug ab und wir frühstückten zusammen bei ihnen. Rechtzeitig brachen wir wieder auf und fuhren zum Kasaner Bahnhof, wo Zug 76, mit dem Laufweg Moskau – Tinda bereits zum Einsteigen bereit stand. Zug 76 verkehrt jeden zweiten Tag und benötigt bis zu seinem Ziel knapp 5 Tage. Wir erreichten Tinda aber erst mit dem übernächsten Zug da wir die Fahrt zweimal zu unterbrechen gedachten. Die erste Unterbrechung war nach 3 Tagen Fahrt in Krasnojarsk und die Etappe somit die längste umsteigefreie Fahrt dieses Urlaubs.

Entdecke die Langsamkeit

Am Ende des Wagens befindet sich der Samowar aus dem man immer kochend heißes Wasser bekommen kann.

Am Ende des Wagens befindet sich der Samowar aus dem man immer kochend heißes Wasser bekommen kann.

Typisch: Alles Essen kommt auf den Tisch, jeder ißt von allem.

Typisch: Alles Essen kommt auf den Tisch, jeder ißt von allem.

Grund genug für mich, darüber zu philosophieren wie man solche langen Zugfahrten überhaupt aushalten kann. Die fünf Stationen mit der S-Bahn sind furchtbar und sie dauern nur 10 Minuten, wohlmöglich bekommt man noch nicht mal einen Sitzplatz. Auch die 5 Stunden von Frankfurt nach Berlin sind nicht unbedingt eine Vergnügungsreise. Man sitzt eingezwängt und nahezu bewegungsunfähig da und wartet darauf, endlich da zu sein, endlich aussteigen zu können. Steigt man in Moskau in einen „Zug 76“ ein ist das anders. Man spürt ganz einfach ganz im innersten, dass es keinen Sinn hat, sich jetzt bereits mit dem Ankommen zu beschäftigen. „Heute muss ich nicht mehr aussteigen“ heißt die Grundeinstellung.

Blick aus dem Fenster: Die Landschaft ist endlos.

Blick aus dem Fenster: Die Landschaft ist endlos.

Was macht man also während 3 Tagen Zugfahrt? Endlich mal was arbeiten? Nein! Der ganze Wagen teilt sich eine Steckdose am Gang. Wenn das Laptop nach 3 Stunden leer ist, war es das erstmal. Fachbücher lesen? Naja, aber 3 Tage am Stück? Dafür hat man nach 2 Stunden auch keinen Kopf mehr. Ständig mit dem Fotoapparat am Fenster hängen und die Birken zählen? Ja, teilweise ist das die Lösung – am Anfang.

In die Zukunft gerichtete Installation in Krasnojarsk

In die Zukunft gerichtete Installation in Krasnojarsk

Auf die eigentliche Lösung des Problems kommt man dann nach spätestens 2 Tagen. Entdecke die Langsamkeit, entschleunige Dich. Wie schön ist es, einfach die Gedanken fliegen zu lassen, Musik zu hören Tee zu trinken Reiseführer zu lesen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Nichtstun ist nur langweilig wenn man den Druck verspürt, eigentlich etwas Sinnvolles zu machen. „Heute muss ich nicht mehr aussteigen.“ Der ältere Herr, der bei uns im Abteil war und der nach Novosibirsk zur Hochzeit seiner Tochter wollte hatte bereits drei Stunden vor der Ankunft angefangen sich zum Aussteigen zu richten. So lange dauert bei uns oft gerade die gesamte Zugfahrt, die uns so stresst. Versuch es, es geht.

Kapelle Paraskewa-Pjatniza und der Zehn-Rubel--Schein

Kapelle Paraskewa-Pjatniza und der Zehn-Rubel–Schein

Nach drei Tagen und Nächten, nach dem obligatorischen Kontinentalgrenzenfoto in Jekaterinburg, nach dem passieren von Omsk und Novosibirsk und Uhren umstellen beinahe im Stundentakt erreichten wir früh morgens also Krasnojarsk. Eine Stadt von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte und die doch Hauptstadt eines riesigen Gebiets ist. Zum Frühstück gab es leckere Blinis, also kleine Pfannkuchen, bevor das Besichtigungsprogramm, losging.

Die Bewohner des Stolby Parks

Die Bewohner des Stolby Parks

Stolby Park: Blick in die Weiten Sibiriens

Stolby Park: Blick in die Weiten Sibiriens

Abgesehen davon, dass wir die Kapelle Paraskewa-Pjatniza und die Brücke über den Jenissei auf dem 10 Rubel Schein wiederfanden gibt es nicht viel zu berichten. Den zweiten Tag nutzten wir für einen Ausflug mit dem Linienbus zum Stolby Park vor den Toren der Stadt. Stolby bedeutet „Pfähle“ und bezieht sich auf die riesigen Granitfelsen die wie Pfähle empor ragen. Von oben hat man auch eine schöne Aussicht auf die endlosen sibirischen Wälder, vermutlich aber nur auf einen minimalen Teil davon.

Richtung Baikal

Auch im Speisewagen kann man die Langsamkeit entdecken.

Auch im Speisewagen kann man die Langsamkeit entdecken.

Genau 48 Stunden nach unserer Ankunft in Krasnojarsk ging es frühmorgens weiter mit Zug 76 Richtung Baikal. Gerade mal 24 Stunden dauerte die Fahrt bis Severobaikalsk, wo wir die nächsten 48 Stunden verbringen wollten. Zirka 400 km hinter Krasnojarsk verließ Zug 76 in Taischet die Transibirische Eisenbahn um seine Fahrt auf der BAM, der Baikal-Amur-Magistrale fortzusetzen. Die BAM führt nördlich des Baikals entlang während die Transibirische den Baikal südlich passiert und dabei immer nahe der chinesischen Grenze verläuft. Letzteres war auch der militärstrategische Grund die BAM zu bauen und 1984 zu eröffnen.

Irgendwo ging plötzlich die Abteiltüre auf und eine bildhübsche junge Frau mit strahlend blauen Augen schaute herein und lächelte uns an. Sie verkaufte gekühlte Getränke. Ich war hin und weg und kaufte eine Cola. Helmut unterbrach meine Träumereien gekonnt, indem er mich wissen ließ, dass das Zugpersonal für diesen Zug in Tinda stationiert ist, nicht etwa in Moskau. „Rumms“- unsanft erwachte ich auf dem Boden der Tatsachen. Tinda wäre so ziemlich der ungünstigste Ort den man sich für eine Fernbeziehung heraussuchen kann, vielleicht mal abgesehen vom Südpol oder Borlänge. Immerhin muss man von Wien nach Tinda nur einmal umsteigen. Ich spiele noch eine Weile mit dem Gedanken und mache mir die Dimensionen eins solchen Unterfangens bewusst. Selbst unter Einbeziehung von Flugzeugen würde die Reise über 50 Stunden dauern. Sich mal schnell am Wochenende sehen fällt da flach. Selbst eine Freundin in Tokyo wäre dagegen bei 12 Stunden Flugzeit in einer akzeptabel kurzen Zeit zu besuchen, man könnte sich zumindest theoretisch übers Wochenende sehen. Die Flugroute nach Tokyo verläuft übrigens über Tinda hinweg, man müsste nur abspringen. Ich kaufte mir später noch ein Getränk bei dem nur russisch sprechenden Sonnenschein und beließ es dabei.

Über den 2. Teil der Reise – „Vom Baikalsee bis an die nordkoreanische Grenze“ könnt ihr ab 03.12.2015 in diesem Blog lesen.

Bilder

Eine Fotodokumentation mit mehr und größeren Bildern gibt es in dem dazugehörigen Fotoalbum auf Flickr

Links

Über Molwanien, dem Land des schadhaften Lächelns

Über das Reisen mit der Transib: Fahrpläne und mehr.

Fahrpläne gibts übrigens auch bei der DB.

Internet Seite zum Stolby Park

Auslandsstudium in Krasnojarsk: ein Erfahrungsbericht

Und wenn Du Dich noch intensiver mit der Langsamkeit befassen möchtest: Das Musse-Magazin.

Noch viele andere Reiseberichte gibt es auf www.fernwehforum.de

Orte

Die Karte zeigt eine Übersicht über die im Beitrag genannten Orte:

Direkt zur KML-Datei


Written by Florian

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