Das Jahr ist fast vergangen und alles ist gut. Das beruhigt mich denn während der zweiten Hälfte des Jahres 2017 reihte sich ein gefährliches Flugereignis hinter das andere. Viele von ihnen hätten schlimm enden können. Jetzt, mit dem nötigen Abstand möchte ich darüber schreiben um auch anderen die Möglichkeit zur Selbstanalyse zu geben. Beruflich mit Unfallrisiko befasst weiß ich, wie wichtig das ist. Ich habe in dem halben Jahr alles gemacht, alles was man nur vergessen kann war dabei. 3 Beispiele:

Hohe Salve

Der Wind kommt offensichtlich von Südost, ich möchte aber den einfachen Weststartplatz nutzen. Das Lee ist sicher nicht so stark. Wie sonst auch immer: man muss nur schnell genug rennen. Ich weiß nun, dass dies ein Trugschluss war. Ich bekam einen für die Situation klassischen Klapper kurz nach dem Start und schlug in der Pendelbewegung hart auf den Boden. Der Fehler war hier, das Wetter falsch einzuschätzen. Mein Start wurde gefilmt und die Sequenz mit anschließend zugeschickt. Ich bin dabei mit dem Schrecken davongekommen. Das passiert mir nie wieder. (Film wird nachgereicht)

Grubigstein

Ich stehe am Grubigstein, Nordstart und meine Freundin war gerade gestartet. Ein perfekter Start. Den Schirm hatte ich schon geordnet und wieder abgelegt. Das Gurtzeug angezogen hatte ich den Start meiner Freundin begleitet. Jetzt schnell hinterher. Ich hänge mich für einen Rückwärtsstart ein und ziehe auf. Der Schirm sieht gut aus und alles scheint in Ordnung zu sein. Ich drehe mich aus und laufe los und fliege. Irgendwas ist anders. Es war so ein Zwischending zwischen springen und los fliegen an dem steilen Startplatz und jetzt flog der Schirm schräg nach links Richtung Felswand.  Ich versuchte  die Richtung zu korrigieren. Der Schirm war kaum geradeaus zu steuern aber es ging noch. Nachdem ich einen nötigen Sicherheitsabstand zu den Felsen hatte und die Richtung zum Landeplatz stimmte begann ich, die Ursache zu suchen. Die Bremsspinne schien in Ordnung zu sein aber die Kappe war auf der einen Seite total verformt. Dann sah ich das Problem. Der komplette rechte Tragegurt musste einmal durch die Leinen gefallen sein, jedenfalls waren die Leinen komplet ineinander verdreht. Die Steuerleine war zwar noch bedienbar, führte aber irgendwo durch alle Leinenebenen einmal im Kreis. Ich flog nun mit einem völlig deformierten Schirm der ungesteuert in eine Spirale übergeht und mit Korrektur der Kurve kurz vor dem Stall Stand. Linkskurven waren beinahe ausgeschlossen. Mit kam nun zugute, dass ich für den Tandemeingangstest der gehaltenen 50% Klapper intensiv geübt hatte. Ich entschloss mich, mit ausreichend Höhe über die Ortschaft Lermoos  hinweg zu fliegen und auf den Wiesen zwischen Lermoos und Ehrwald zu landen. Ich stellte mir die Frage, ob es besser sei, die Rettung zu ziehen oder mit Gleitschirm zu landen und die Gefahr in Kauf zu nehmen, dass der Schirm knapp über Grund stallt. Ich landete mit Gleitschirm eine beinahe perfekte Landung und die ältere Dame fragte im Vorbeigehen ob ich einen schönen Flug hatte. Rekapitulierend war ich beim Start abgelenkt und hatte meine eigenen Startvorbereitungen unterbrochen – um meiner Freundin zu assistieren – und später wieder aufgenommen. Außerdem war ich davon ausgegangen, dass mir diese Art von Leinenverwicklung beim Rückwärtsaufziehen auf jeden Fall auffällt. Falsch gedacht. Passiert mir nie wieder.

Tandemprüfung

Höhepunkt und gleichzeitig Abschluss der Leichtsinnsserie war meine praktische Tandemprüfung, bei der in der Aufregung vergessen habe, die Steuerleinen zum Start in die Hand zu nehmen. Es kam was kommen musste: Der Schirm stieg beim Start bilderbuchmäßig aber als ich ihn abstoppen wollte war da nix in meiner Hand. Ich stürzte mit meinem Passagier in relativ steilen und steinigen Gelände vom Schirm gezogen. Auch hier kamen wir mit dem Schrecken und einigen blauen Flecken davon. Die Prüfung war übrigens nicht bestanden, man hatte mich im Krankenhaus ernsthaft gefragt. Die Beteiligung einer weiteren Person ist besonders bitter und meine Freundin wollte lange nicht mit mir Tandem fliegen. Inzwischen habe ich die Prüfung bestanden mit einem 1a Flug und meiner Freundin wieder als Passagier.

Ich habe anschließend schwer mit mir gehadert und mich gefragt, ob ich überhaupt Tandem fliegen soll ja eigentlich ob ich überhaupt weiterfliegen soll. Ich habe mich ehrlichgesagt auch gewundert, dass keiner verrucht hat, mir ins Gewissen zu reden, er wäre offene Türen eingerannt. Vielleicht sind wir Gleitschirmflieger da etwas zu großzügig, was das „leben und leben lassen“ betrifft, vielleicht muss doch die eine oder andere Standpauke unter Freunden mal sein?

Ich hatte mich fürs weiterfliegen entschieden. Erstmal wieder mit dem Soloschirm und mit einer eingeschweißten Startcheck-Karte, jeweils für Tandem und für Solo. Irgendwann auch wieder mit dem Tandem. Ich denke ich bin jetzt wesentlich kritischer geworden und lasse mich nicht mehr in meinen Startvorbereitungen und dem Startcheck unterbrechen. Wurde er unterbrochen, fange ich von vorne an. Bei der 2. Tandemprüfung wurde ich vom Prüfer gelobt, dass ich alles um mich herum ignoriere und mich komplett den Startvorbereitungen und meinem Passagier widme. Es scheint sich was verändert zu haben und das ist gut so. Erst im August dieses Jahrs konnte ich bei einem seit langem fälligen Streckenflug meine seitdem vorhandene Flugangst wieder ablegen die mich beim Landen immer wieder überkam.

Ich finde es abscheulich, wenn ich in den Videoportalen unter Titeln wie „Funny Paragliding starts“ sehe, wie Leute auf die Schnauze fallen. Das ist kein Comic. Fliegen macht wahnsinnig viel Spaß aber das Leben hängt dran. Denkt an eueren Vorflug- und Startcheck.

Written by Florian

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