Wir fuhren mit dem Zug nach Bichlbach in Tirol. Meine nicht-fliegende Begleitung und ich wollten über Bichlbächle auf das Sommerbergjöchle und weiter zur Wolfratshausener Hütte und dem Grubigstein. Von da würde ich hinunter fliegen und meine Begleitung die Seilbahn nutzen. Während der Zugfahrt erzählte mir meine Begleitung, dass Sie am Tag zuvor am Wallberg einen Tandemflug gemacht hatte, total begeistert wäre und jetzt mit einer Gleitschirmfliegerausbildung anfangen wolle. Ich freute mich. Es war ein schöner Tag. Mit einer Ausnahme. Für mich endete er mit einem Gips-Arm. Hier ein paar kritische Gedanken, wie es dazu kam.

Nach einer wunderschönen Wanderung standen wir auf dem Sommerbergjöchle und blickten hinunter in das Gartnerbachtal. Ich kannte das Gartnerbachtal bereits, in dieses Tal startet man vom grubigsteiner Nordstart aus. Ich kannte auch die Wolfratshausener Hütte, man sieht sie vom Nordstart und im November 2016 bei meinem ersten Besuch am Grubigstein wanderte ich von der Mittelstation hinauf. Die Tour führte über die bereits geschlossene Wohlfratshausener Hütte [zum Blog Artikel]. Meine Erinnerung sagte mir, dass die Hütte direkt unter mir im Tal sein musste. Ich konnte sie aber nicht sehen. Vielleicht hinter der Biegung. Ich beschloss, vom Sattel hinunter zu fliegen. Bis zur Talbiegung gab es genug Landemöglichkeiten und vor der Hütte selbst müsste eigentlich auch eine Wiese sein. Es war genug Höhe da um hinter die Talbiegung zu fliegen und dann zu entscheiden.

Der Flug

Der Wind wehte auf beiden Seiten des Sattels schwach Richtung Sattel, auf meiner Startseite schien die Sonne direkt senkrecht auf die Wiesen. Der Wind von vorne musste thermisch bedingt sein. Ich machte mich startklar und wir verabredeten uns an der Hütte. Ich startete und suchte nach Thermik. Ein paar leichte Heber aber nichts was einen richtig hoch bringt. Ich konnte um die Talbiegung schauen. Ich sah eine Hütte aber die sah anders aus als die Wolfratshausener Hütte laut meiner Erinnerung aussehen sollte. Mangels Thermik konnte ich nicht wählerisch sein und beschloss, oberhalb der Hütte zu landen.

Hier waren noch Wiesen und vereinzelte Büsche, unterhalb der Hütte begann der Wald. Es war keine Windrichtung festzustellen aber typischer Talwind schien mir am wahrscheinlichsten. Ein Wanderweg verlief in der Talsohle gerade und leicht abfallend. Der Weg schien mir geeignet für einen langen, geraden Endanflug. Ich entdeckte die Fußgänger, die meine Endanflugstrecke halbierten und änderte den Landeplan. Die Wiese zwischen Bach und Weg sollte es werden, in einem Winkel angesteuert, so, dass die Endanflugstrecke eben verläuft. Für eine schöne Landevolte fehlte inzwischen die nötige Höhe daher Achterte ich zwischen Weg und Bach um die Höhe zu reduzieren.

Nach der letzten Acht steuerte ich in den Endanflug, relativ niedrig um nicht zu weit zu fliegen (nach der letzten Acht war es noch zu hoch). Ich hätte gerne noch, wie sonst immer, im Endanflug nochmal beschleunigt aber die geringe Höhe ließ dies nicht mehr zu, darum begann ich mit dem üblichen ausflairen. In dem Moment, noch 2 m über dem Boden fiel ich (gefühlt) senkrecht zu Boden. Mein Gedanke beim Fallen: „Mist, doch ins Lee gekommen“. Ich fing den Sturz reflexartig mit der Hand ab und stellte sofort fest, dass diese gebrochen war. Sonst war nichts. Der Schirm lag hinter mir, wie nach einer perfekten Landung.

Die bereits erwähnten Fußgänger halfen mir beim Zusammenpacken der Ausrüstung und ich ging die restlichen 100 m zur Hütte. Dem Hüttenwirt erzählte ich, dass ich meinen Arm gebrochen hatte und fragte ihn, ob eine einfach zu gehende Straße hinunter führte die ich gehen konnte. Er bot mir an, die Bergrettung zu rufen aber ich sah keine Notwendigkeit. Erst als mir beim Apfelschorle auch noch der Kreislauf kurzerhand wegkippte bat ich ihn, doch die Rettung zu rufen. Ich war auch nicht an der Wolfratshausener Hütte gelandet sondern an der Gartneralm-Hütte. Meine Begleitung konnte ich per SMS informieren obwohl dort eigentlich kein Handyempfang war, wie mir die Bergrettung später berichtete. Zeitgleich mit der Bergrettung traf sie ein. Wir wurden mit dem Jeep nach Lermoos gefahren und ich anschließend mit dem Krankenwagen nach Reute. Wegen des Staus auf der Außerfern-Bundesstraße fuhr der Krankenwagen sogar mit Blaulicht. Im Krankenhaus bekam ich einen Gips. Jetzt ist erstmal Flugpause.

DHV-Artikel: Richtig landen

Was war passiert?

Die erste Vermutung, dass ich in ein Leegebiet geflogen wäre erscheint mir unlogisch, da es tatsächlich windstill war. Ich gehe davon aus, dass ich im Landestress die achter unbemerkt stark angebremst geflogen bin. Das weitere Bremsen beim Versuch den Schirm Auszuflairen hat wohl zum Strömungsabriss geführt. Erst wenige Tage zuvor hatte ich mich mit einem Fliegerfreund darüber unterhalten, wie es kommt, dass immer wieder Leute ihren Schirm abreißen beim Landen und, dass man das doch eigentlich merken müsste. Ich hab nichts gemerkt. Der Strömungsabriss – wenn es denn einer war – kam plötzlich und unerwartet. Ich war mit Landen beschäftigt.

DHV-Artikel: Stall beim Gleitschirm

Was sind meine Konsequenzen?

Ich freue mich schon darauf, wieder zu fliegen. Dieser Vorfall hat mir aber einmal mehr gezeigt, dass es wichtig ist, seine Landung mit ausreichend Höhe zu beginnen, am einmal gewählten Landeplan festzuhalten und eine schöne Landevolte zu fliegen. Das reduziert den Landestress und man kann sich auch auf sein Fluggerät – das einen am Leben erhält –  konzentrieren. Das geht auch an weniger schönen Außenlandeplätzen und ist vielleicht hier sogar besonders wichtig.

Im Zug, auf dem Heimweg hatten wir viel zu lachen und zu Schmunzeln. Auch nach dem Unfall hatten wir viele liebe Leute getroffen die uns mit Witz und Hilfsbereitschaft begegnet sind. Es war ein schöner Tag, mit einer Ausnahme.

Meine Begleitung erzählte mir, dass sie froh war, den Tandemflug bereits am Tag zuvor gemacht zu haben und, dass sie trotzdem Gleitschirm fliegen lernen möchte.

PS: Natürlich habe ich eine Unfallmeldung beim DHV abgegeben.

 

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Written by Florian

1 Comment

Martin

Ich wünsche dir eine schnelle Heilung, lieber Blogger-Kollege!
Wie immer, gut reflektiert und sehr gut geschrieben.
Brav, die Unfallmeldung.

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